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Antipolitik


György Konráds „Antipolitika“

György Konrád, Budapest 1989 | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution, Open Society Archive BudapestDer ungarische Essayist und Schriftsteller György Konrád fordert 1984 in seinem Buch „Antipolitika“ eine geistig-politische Neuorientierung, um der Kriegsgefahr im hochgerüsteten Europa zu begegnen. Hauptursache dieser Bedrohung seien die Abkommen der Siegermächte des II. Weltkrieges in Jalta vom Februar 1945 und der damit verbundenen Aufteilung Europas:

Bild: György Konrád, Budapest 1989
Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution, Open Society Archive Budapest

„Jalta ist das Symbol einer Großmachtpolitik: Drei alte Männer [Churchill, Roosevelt, Stalin] entscheiden für Jahrzehnte über das Schicksal von hundert Millionen Menschen, und die hundert Millionen müssen diese Übereinkunft respektieren, sonst wird auf sie geschossen …

Jalta heißt, die andere Seite dämonisieren.“

Überblick Antipolitika | Quelle: ABL

Gerade für DDR-Oppositionelle wirken diese Thesen inspirierend, existiert die DDR doch nur auf dieser Grundlage der Blockkonfrontation. Seit Ende der 1970er Jahre gibt es Kontakte nach Ungarn. Die Staatssicherheit beider Länder vereinbaren eine Zusammenarbeit (1978) und versuchen Treffen durch Einreisesperren zu verhindern. Ungarische Exilanten und Dissidenten (u.a. György Konrád und György Dalos) können nicht mehr in die DDR kommen und umgekehrt werden DDR-Oppositionelle mit Ausreiseverboten belegt (seit 1985 mind. 200 Personen).

PDF Download:  Gemeinsame Erklärung aus Osteuropa. Bild: vusta/iStockphoto „Budapest, Prag, Warschau, Berlin – Oktober 1986“
Aus Anlass des 30. Jahrestages der Niederschlagung der Ungarischen Revolution von 1956 bekräftigen Oppositionelle ihre Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. (Quelle: ABL)

 

Anregungen für die DDR-Opposition liefert der im Wiener Exil lebende Schriftsteller György Dalos. Als Kenner reflektiert er die Szene „ […] sozusagen als Blick über den Topfrand in den Topf.“ (Ostkreuz, Januar 1989)

In: Ostkreuz, Januar 1989 | Quelle: ABL
György Dalos: Ich wollte ... György Dalos: „Ich wollte in die DDR“
Zehn Jahre nach dem Mauerfall reflektiert der ungarische Schriftsteller auf einer Podiumsdiskussion in Leipzig die Beziehung Ungarns zur DDR. Er persönlich war froh, Ende 1989 seine Freunde in Ostberlin wieder besuchen zu können.
Quelle: ABL

 

Von der Systemopposition zur Bürgerbewegung

Thesenpapier: Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung | Quelle: ABLKorrespondierend mit Konrads „Antipolitik“ bildet sich 1986 im Umfeld der Berliner Bartholomäus-Kirchgemeinde eine Gruppe heraus, die dieser Ost-West-Konfrontation als auch den Erscheinungen der Abgrenzung / Ausgrenzung in der Gesellschaft der DDR begegnen will. Die Initiative „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ verbreitet ihr Thesenpapier als Antrag an die Synode der evangelischen Kirche zur Beschlussfassung. Die Synode stellt das Papier sowohl ihren Ausschüssen als auch den Gemeinden zur Diskussion.
Zu einer Veröffentlichung kommt es in verschiedenen Zeitschriften des Untergrunds.

 

Aufrisse | Quelle: ABL

 

PDF Download:  Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung. Bild: vusta/iStockphoto „Isolation bildet den Nährboden für Zerr- und Feindbilder.“
Die Forderungen nach Pluralismus und Reisefreiheit werden in einen europäischen Kontext gestellt. Nur in der Umgehung der sensiblen deutschen Frage sind sie vermittelbar.
Zu den Autoren gehören u.a. Hans-Jürgen Fischbeck, Ludwig Mehlhorn und Stephan Bickardt. (Quelle: ABL)

Stephan Bickhardt (l.), Michael Bartoszek (von hinten), Ludwig Mehlhorn (r.) | Quelle: ABL / St. Bickhardt

Stephan Bickhardt: Es kam zu einer ganz ernsten Krise im Staat-Kirchen ... Stephan Bickhardt: „Es kam zu einer ganz ernsten Krise im Staat-Kirchen-Verhältnis.“
Wenn die evangelische Kirche dieses Papier als Leitbild annehme, so entziehe sich dem SED-Staat die Diskussionsgrundlage mit ihr. Die SED kann und will den Status Quo nicht hinterfragen und reagiert mit Ab- und Ausgrenzung. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Stephan Bickhardt

Die Negierung der europäischen Dimension der Gegenwart durch die SED führt früher oder später zwangsläufig zur Systemopposition. Einen weiteren Schritt in diese Richtung geht die Initiativgruppe mit dem Versuch, zur Kommunalwahl am 7. Mai 1989 eigene Kandidaten aufzustellen.

Neues Handeln | Quelle: ABLAb Mai 1988 wird die Flugschrift „Neues Handeln“ in einer Auflage von ca. 20.000 Stück verbreitet. Darin wird das Procedere zur Wahleinmischung im Jahr darauf erklärt. Der diktatorische Herrschaftsanspruch der SED lässt jedoch neue parlamentarische Konstellationen nicht zu.

Im Zusammenhang mit der Kommunalwahl 1989 in der DDR entsteht eine landesweite Demokratiebewegung, die die Stimmenauszählung kontrolliert und die SED der Manipulation überführt. Diese neue Kraft ist im Frühjahr 1989 noch weitgehend zersplittert. Zu DDR-weiten Strukturen kommt es erst im September 1989.

Zettel mit Aufschrift Demokratie jetzt! | Quelle: ABL

Drei Tage nach dem NEUEN FORUM verkündet der Initiativkreis zur „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ am 12.9.1989 die Gründung von DEMOKRATIE JETZT. Aus der Systemopposition wird eine Bürgerbewegung.

PDF Download:  Aufruf zur Einmischung in eigener Sache. Bild: vusta/iStockphoto „Die Ära des Staatssozialismus geht zu Ende.“
Die Initiatoren rufen zur Demokratisierung von Staat und Gesellschaft auf. In einem breiten Dialog will man über Konzepte beraten und damit die SED zur Machtteilung zwingen.

 

Initiatoren von DEMOKRATIE JETZT in der Berliner Gethsemane-Kirche im September / Oktober 1989. V.l.n.r.: Hans Jürgen Fischbeck, Ulrike Poppe, Stephan Bickhardt, Michael Bartoszek, Wolfgang Ullmann
Initiatoren von DEMOKRATIE JETZT in der Berliner Gethsemane-Kirche im September / Oktober 1989. V.l.n.r.: Hans Jürgen Fischbeck, Ulrike Poppe, Stephan Bickhardt, Michael Bartoszek, Wolfgang UllmannQuelle: ABL / St. Bickhardt
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„Budapester Rundschau“

Zettel mit Aufschrift Demokratie jetzt! | Quelle: ABL

Das Wochenblatt will den deutschsprachigen Raum mit Themen der ungarischen Gesellschaft vertraut machen. Es erscheint seit 1967. Durch die minimale und selektive Berichterstattung der DDR-Medien über die politischen Neuerungen in Ungarn 1988/89 ist das Interesse in der DDR groß. In der „Budapester Rundschau“ bekommt man einen Eindruck über den ungarischen Anspruch zur Schaffung einer Pressefreiheit – ohne Tabus bei Meinungsäußerungen.

Aus dem Inhalt der Ausgabe vom 20. Juni 1988 | Quelle: ABL

1989 gibt es in der DDR 5.000 Abonnenten bei einer Gesamtauflage von 15.000 Exemplaren. Die Redaktion könnte aber ohne weiteres mehr Zeitungen verschicken. Doch im Juni 1989 nehmen die DDR-Postämter keine neuen Bestellungen mehr an. Die Verteilung über Bibliotheken oder der Freiverkauf an Zeitungskiosken wird gestoppt. Im Gegensatz zum Sputnik-Verbot vom November 1988 wird die „Budapester Rundschau“ jedoch nicht von der offiziellen Vertriebsliste der Deutschen Post gestrichen. Man hat scheinbar etwas von der Welle des Protestes des Vorjahres gelernt.
Die wenigen vorhandenen Exemplare werden von Hand zu Hand weitergereicht.

 

Fidesz’s „Mauerfall“

PDF Download:  Erklärung über die Gründung des Verbandes Junger Demokraten. Bild: vusta/iStockphoto „Es dürfen sich persönliche und Gruppeninteressen den Spielregeln der Demokratie entsprechend frei organisieren.“
Der „Verband Junger Demokraten“ - Fidesz gründet sich am 30. März 1988. Er versteht sich als unabhängiger Jugendverband neben der Staatsjugend KISZ. (Quelle: ABL)

 

Victor Orbán | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian RevolutionAufsehen erregt der Sprecher von Fidesz, Victor Orbán, auf der Großkundgebung zur Umbettung von Imre Nagy und anderen Hingerichteten von 1956 am 16. Juni 1989. Vor ca. 300.000 Menschen verurteilt er die auf historischen Ausgleich setzende KP-Führung als Anbiederung. Er fordert freie Wahlen und den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn.

Bild: Victor Orbán | Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution

Fidesz unterhält gute Kontakte zu freien Gruppen in Polen und der ČSSR. Eine konstruktive Vernetzung mit der DDR scheitert jedoch immer wieder an Reiseverboten.

Radio Glasnost: Für die Mitglieder ... Radio Glasnost: „Für die Mitglieder des Netzwerkes ‚Arche‘ war es nicht einfach an diesem Meeting teilzunehmen.“
Der Piratensender berichtet von einem Treffen europäischer Umweltgruppen im ungarischen Miszkolc im Dezember 1988. Trotz Einladung durch den ungarischen kommunistischen Jugendverband KISZ durften drei Mitglieder des im Januar 1988 gegründeten „grün-ökologischen Netzwerk Arche“ die DDR gar nicht erst verlassen. (Quelle: ABL)

Für die ungarische Opposition sind die Arbeitsbedingungen der DDR-Gruppen im Vergleich zu anderen osteuropäischen Gruppen „anachronistisch“.

Interview mit Julliana Matrey, Außensprecherin von Fidesz, am 17. Juni 1989 in Budapest | Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Das politische Bewusstsein für internationale Prozesse und eine internationale Vernetzung ist in Ungarn stark ausgeprägt. Fidesz organisiert 1989 z.B. mehrere Demonstrationen, die auf die Unterdrückung in anderen sozialistischen Staaten aufmerksam machen.

 

FIDESZ-Protest für die Freilassung des tschechischen Dissidenten Václav Havel, 02.03.1989
FIDESZ-Protest für die Freilassung des tschechischen Dissidenten Václav Havel, 02.03.1989Quelle: Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution
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In diesem Kontext inszeniert Fidesz am 13. August 1989 den „Fall“ der Berliner Mauer in Budapest.

Fidesz inszeniert am 13. August 1989 den Fall der Berliner Mauer in Budapest. | Quelle: BStU

PDF Download: Erlebnisbericht. Bild: vusta/iStockphoto „Letztendlich könnt ihr aber eure Herrschenden nur im eigenen Land bekämpfen.“
Eine Menschenkette symbolisiert mit ihren Pappschildern die Berliner Mauer, die nach der Kundgebung mit Redebeiträgen aus Ungarn, Polen, Großbritannien und der DDR in tausend kleine Stücke „zerrissen“ wird. Bedauernd stellt der Sprecher der Leipziger Opposition fest, dass der Ort ja eigentlich falsch gewählt sei, aber ein derartiger Protest in der DDR z.Zt. eben nicht möglich ist. (Der Bericht erschien in „Forum für Kirche und Menschenrechte“, September 1989)

 

Fazit

Infografik Fazit | Quelle: ABL

 

  • 1959 in Dresden geboren
  • 1976 - 1988 Aktion Sühnezeichen
  • 1977/78 Lehre zum Werkzeugmacher
  • 1979 – 1986 Studium der Theologie und Pädagogik in Naumburg
  • Mai 1985 Mitorganisator der "Initiative für Blockfreiheit in Europa"
  • Seit 1986 Kontakte zur Initiative Frieden und Menschenrechte Herstellung und Verbreitung von Samisdat-Literatur (Radix-Verlag)
  • Herbst 1986 Mitinitiator von "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung"
  • Frühjahr 1989 Mitautor des "Aufruf Neues Handeln" (Aufstellung unabhängiger Kandidaten und zur Kontrolle der Auszählung der Kommunalwahlergebnisse vom 7.5.1989) September
  • 1989 Mitbegründer von Demokratie Jetzt (DJ)
  • 1990 Geschäftsführer, Mitglied im Sprecherrat und Länderausschuss von DJ
  • ab 1991 Pfarrer in Eberswalde, Leipzig, Markleeberg
  • seit 2007 Polizeiseelsorger, Leipzig