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„Ein Akt von Selbstbehauptung“ - Samisdat in der DDR


Samisdat als Gegenöffentlichkeit

Samisdat, der: - (russ.) - Selbstverlag

„Man schreibt selbst,
man redigiert selbst,
man zensiert selbst,
man verlegt selbst,
man verteilt selbst und
sitzt auch selbst die Strafe dafür ab.“
(Wladimir Bukowski)

Samisdat in Mittel-Osteuropa -Ausstellungskatalog der Forschungsstelle Osteuropa Bremen, 2000Das Wort hat seinen Ausgang in der Sowjetunion der 1940er Jahre, als der Dichter Nikolai Glaskow seine Gedichte als handgeschriebene Exemplare unter dem Namen „Samsebjaisdat“ (Sich-selbst-Verlag) herausgibt. Verkürzt auf „Samisdat“ wird das Wort im internationalen Gebrauch zum Inbegriff der inoffiziellen Publikation und Verbreitung des unzensierten Wortes.
Der junge Journalist Alexander Ginsburg macht 1959 den Samisdat zur unabhängigen „Institution“, indem er ein Periodikum schafft. In „Syntaxis“ werden außerdem zum ersten Mal mehrere verbotene Autoren veröffentlicht (Almanach).
Der Menschenrechts-Samisdat entsteht 1964 als der junge Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger (1987) Josef Brodsky verurteilt wird. Die Mitschrift des Prozesses wird in tausenden Exemplaren in der ganzen Sowjetunion verteilt.

(Buchcover: Samisdat in Mittel-Osteuropa -Ausstellungskatalog der Forschungsstelle Osteuropa Bremen, 2000)

Sowjetisches Samisdat zum "Prozess der Vier", 1968; Quelle: Forschungsstelle Osteuropa Bremen, FSO 01 4 In den deutschsprachigen Raum führt das Hamburger Wochenmagazin „Der Spiegel“ den Begriff im März 1968 ein. In einem Bericht über den Gerichtsprozess gegen die Herausgeber der sowjetischen Samisdat-Zeitschrift „Phönix“ wird er mit „Selbstverlag von Untergrundliteratur“ erklärt (Der Spiegel 13/1968). Auch in der ČSSR wird im Verlauf des Prager Frühlings der "Prozess der Vier" in der Sowjetunion diskutiert.
Über diese beiden Umwege wird „Samisdat“ in der DDR bekannt.

(Bild: Sowjetisches Samisdat zum "Prozess der Vier", 1968; Quelle: Forschungsstelle Osteuropa Bremen, FSO 01 4)

 

Etablierung des Samisdat in der DDR

Mitte der 1970er Jahre beginnt ähnlich wie in der Sowjetunion die unabhängige Publizistik, indem Schriftsteller und bildende Künstler ihre Arbeiten im Selbstverlag veröffentlichen. Darüber hinaus wird verbotene Literatur abgeschrieben und verbreitet.

Als unverfängliches Fachbuch getarnt kann auch verbotene Literatur zwischen den Buchdeckeln in der Öffentlichkeit gelesen werden. (Quelle: Umweltbibliothek Großhennersdorf)

Quelle: ABLEinen wichtigen Einfluss auf die Etablierung des Samisdat haben junge Künstler Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre. Sie wollen sich nicht mehr den Regeln des staatlichen Kulturbetriebs unterwerfen und probieren selbstbestimmt neue Ausdrucksformen aus. Darüber hinaus ist es für viele Künstler die einzige Möglichkeit zur Veröffentlichung.
Im Berliner Prenzlauer Berg und in Dresden entstehen 1979 erste Grafik-Lyrik Mappen. Es folgen Dichter-Maler Bücher. Erste Periodika werden 1982 in Dresden („UND“) und Berlin („Entwerter-Oder“) herausgegeben.

(Bild: UND, Nr.5, November 1982 Quelle: ABL)

 

Eine Samisdat-Kultur entwickelt sich in der DDR jedoch sehr viel später als in Polen, Ungarn, der ČSSR oder der Sowjetunion. Ein entscheidender Grund dafür ist die parallel existierende westdeutsche Medienkultur. Ab Anfang der 1980er Jahre werden jedoch gezielt die Gesetzeslücken im „Genehmigungsverfahren für die Herstellung von Druck- und Vervielfältigungserzeugnissen“ (Druckgenehmigungspflicht) ausgenutzt. Eine Ausnahme bilden demnach Drucke für den „inneren Dienstgebrauch“. Diesen Passus nutzen Basisgruppen, um unter dem Dach der Kirche ihre Informationen zu streuen.

Quelle: ABL

Mit dem Gesetz über die „Druckgenehmigungspflicht“ von 1959 wird das SED-Meinungsmonopol zur Staatsdoktrin. Dementsprechend ist alles, was außerhalb dessen erscheint, per se „antisozialistisch“. Im Selbstverständnis der SED und ihres Geheimdienstes gehört jeder, der im Samisdat veröffentlicht, automatisch einem politischen Untergrund an - unabhängig vom textlichen Inhalt oder der künstlerischen Darstellung.

 

Die Entwicklung der Opposition ist stark an die Professionalisierung von Herstellungsverfahren des Samisdat gebunden. Das Basisverfahren ist eine Abschrift mit Schreibmaschine und Kohlepapier. Dies ermöglicht 4 bis 6 Exemplare. Bestehen Untergrundpublikationen lange Zeit aus Durchschlägen von Schreibmaschinenseiten, so entwickeln sich in den 1980er Jahren Periodika. Nahezu ohne Bildanteil werden die Zeitungen im Ormig– oder Wachsmatrizenverfahren hergestellt. Druckmaschinen kommen über verschiedene Kanäle aus dem Westen.
Mit dem heutigen Blick erinnern die technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung an die Vor-Gründerzeiten des Buchdrucks.

Vom Kohlepapier zur Wachsmatrize

Schreibmaschine

Ormig

Wachsmatrize

Quelle: Privat Quelle: Umweltbibliothek Großhennersdorf Quelle: Umweltbibliothek Großhennersdorf
Aus - Namenlos -, Borna 1986, Quelle: ABL Aus - Friedensgebete in Leipzig -, 1987, Quelle: ABL Aus - Oder -, Radix-Verlag, Berlin 1987, Quelle: ABL

Grenzfall 5/1987, Quelle: ABL

Die technischen und finanziellen Mittel bleiben „primitiv“. Trotzdem erscheinen bis 1989 ca. 190 verschiedene Zeitschriften mit Auflagen von 100 bis 4.000 Exemplaren.

Ab Mitte der 1980er Jahre wächst die Anzahl verschiedener Periodika rasant an. Diese „zweite Öffentlichkeit“ oder „Gegenöffentlichkeit“ erreicht nun über die „dissidentische Szene“ hinaus ein sympathisierendes Umfeld. Der Samisdat schärft das Bewusstsein für notwendige Reformen des gesellschaftlichen Systems.

Infografik Samisdat, Quelle: ABL

Karim Saab (Quelle: ABL) Karim Saab: „Wir machen hier nichts heimlich. Wir machen das einfach.“
Karim Saab gehörte zu den Herausgebern des „Anschlag“. „Anschlag“ als Wortspiel meinte die Explosion, den Schreibmaschinenanschlag, den Aushang.
Die Zeitschrift erschien von 1984 bis 1989 und verband Kunst mit Politik. Sie war eine von der Kirche unabhängige Samisdat-Zeitschrift und etablierte sich für manchen Kunstliebhaber zum Sammelobjekt. (Lebenslauf: Karim Saab)

 

Quelle: ABLAnschlag IX, 1987: Leseprobe (Auszüge)
Der Einband besteht aus gepressten Eierverpackungen. Es sind Grafiken im Siebdruckverfahren enthalten. Texte stehen auf sehr holzhaltigem Papier und auf dünnem Durchschlagpapier. Dieses wird verwendet, um mit der Schreibmaschine möglichst viele Exemplare („Kopien“) produzieren zu können – alles Materialien, die gleichzeitig den Mangel in der DDR dokumentieren.

Leseprobe herunterladen (PDF)

 

Während der vielfältige Samisdat Mittel-Osteuropas nach 1989 Teil der Kulturgeschichte der einzelnen Länder geworden ist, findet der DDR-Samisdat bis auf wenige Ausnahmen kaum Beachtung in der gesamtdeutschen Wahrnehmung.

Hör-Tipp - Hör-Tipp - Hör-Tipp - Hör-Tipp

Simone Müller: Samisdat Simone Müller: Samisdat oder: Ein Akt von Selbstbehauptung – Gegenöffentlichkeit in der DDR
Ein Feature (40 Minuten)
ACHTUNG, Downloadgeschwindigkeit ist von ihrer Internetverbindung abhängig

Im Rahmen ihrer Meisterschülerprüfung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig produzierte Simone Müller 2012 ein Radiofeature über den Samisdat in der DDR. In 10 Kapiteln erinnern sich vier Akteure: Karim Saab („Anschlag“), Peter Grimm („Grenzfall“), Stephan Bickhardt („Radix-Verlag“) und Dirk Moldt („mOAning star“).

 

Lebenslauf: Karim Saab

  • • geb. 1961 in Heidelberg
  • • Übersiedlung der Mutter nach Radebeul 1965 / 66
  • • 1977 Buchhändlerlehre in Leipzig
  • • Musikedition Peters für 13 Monate
  • • Museum für Völkerkunde
  • • Theologiestudium in Naumburg
  • • Anfang der 1980er Gründung von Initiativgruppe „Hoffnung Nicaragua“
  • • Totalverweigerung des Militärdienstes
  • • Herausgeber des Samisdat „Anschlag“
  • • Mai 1989 Ausreise in die Bundesrepublik
  • • Seit 1992 Journalist in Potsdam